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Paul Ysart (1904–1991) und die Wiederbelebung der Glaskunst im Briefbeschwerer (D)

Von Erhard Maroschek, Lermoos (A)



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Was zeichnet die Briefbeschwerer Paul Ysarts aus? Seit 1922 – das Jahr wurde anhand seiner Angaben in einem Zertifikat seiner Firma Harland nachberechnet – fertigte er zunächst bei Moncrieff in Perth die ersten Stücke an. Erstaunlich ist die Entwicklung der Vielfalt, der Formenreichtum und die schöpferische Breite der Kombinationen von einfachen Glasstäbchen hin zu sehr komplexen Mustern, die oft erst unter der Lupe ihre wahre Pracht offenbaren. Die Farbgebung seiner Millefiori-Stäbchen verfolgt eine überaus reiche, teils harmonische, aber auch auf den Versuch ausgerichtete Zusammenstellung, in der sich kräftige deckende Grüntöne mit sanftem, strahlendem Weiß zusammenfügen, um den reinen und starken Anteilen von durchsichtigem Gelb und Rot einen Gegenspieler zu bieten. Durch das Ziehen auf größere Länge verkleinert sich der Querschnitt oft so weit, daß man die Details nur mehr durch starke Vergrößerung und viel Licht würdigen kann. Seine fallweise Einsprengung von rotem oder goldenem Aventurin führt durch ihren glitzernden Hauch noch eine Ebene weiter in die Tiefe der Lichteffekte. Er gilt als „Erfinder“ der Technik, die Latticinio-Stäbe als Speichen zwischen den Segmenten des Designs zu verwenden, eine Reminiszenz und Weiterentwicklung der dichtgepackten „end-of-the-day“-Muster bei Baccarat in Frankreich ab 1846 und Arculus in England bis zur Jahrhundertwende.


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Welche seiner Briefbeschwerer sind die gefragtesten? Zum einen sind die Stücke, die mit seinem Signaturstäbchen „PY“ in verschiedenen Varianten signiert sind, am meisten gesucht. In den Jahren um 1930 erschien erstmals sein grün umrandetes, gezähntes weißes Signaturstäbchen mit den gleichfarbig roten Initialen PY im Inneren. Erst später, durch den Vertrag mit Jokelson ausgehandelt, sollten ausschließlich für den Export nach Amerika bestimmte Stücke mit „PY“ signiert werden. Mit seinem eigenhändig eingravierten Namenszug versehene Stücke sind ebenfalls rar, da er ausschließlich selbst hergestellte Stücke auf diese Weise kennzeichnete. Diese Tatsache läßt etwas tiefer blicken, denn ab den 1970er Jahren fertigten auch seine Assistenten, unter ihnen Peter Holmes, William Manson und David Hurry unter seiner Regie, Mitarbeit und Anleitung die Tagesproduktion bei der Firma Harland, was aus einem Zertifikat dieser Zeit eindeutig hervorgeht. Eine vorhandene Signatur ist jedoch kein absolutes Kennzeichen für die „Qualität“ des so ausgezeichneten Stückes, da es vergleichbare, „gleich gute“ unsignierte Exemplare von großer Ausdruckskraft gibt! Von den Motiven her gesehen sind seine Insekten, Reptilien und Fische recht gefragt. Da Ysart jedoch so gut wie nie das gleiche Arrangement identisch angefertigt hat, bleibt hier ein riesiger Spielraum für den Sammler bestehen. Seine mit „H“ signierten Stücke aus der Zeit seiner Firmen „Harland“ und „Highland“ erreichten eine steigende Beliebtheit, als ab den späten 1980er Jahren mehr oder weniger gut gelungene Nachschöpfungen mit einer undeutlichen zweifärbigen PY-Signatur aus unbekannter Quelle auf den Markt gelangten, die mit Sicherheit nicht von ihm hergestellt worden sind. Jedoch scheinen einige der darin verwendeten Millefiori-Stäbchen von ihm gefertigt worden zu sein. Nach anfänglichen Turbulenzen hat sich jedoch das Vertrauen in den Wert „echter“ Stücke wieder gefestigt. Schließlich sind manche Motive, wie das Stiefmütterchen oder spezielle Blumenarrangements, nur als Einzelstück oder in kleinsten Mengen bekannt und daher sehr gesucht. Die Sulphides von Armeeabzeichen und Schmuckbroschen sind zumeist mit einem Kröselhintergrund versehen, der später in veränderter Form – damit auch Details des Millefiori oder Latticinio erkennbar blieben – die Grundlage für die Entwicklung der „Harlekins“ bildete, die wiederum in den „scrambled“ und „end-of-the-day“-Designs der Klassischen Periode ab 1845 wurzeln.


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Welche seiner Briefbeschwerer bieten die größte Vielfalt? Die Frage scheint müßig. Es gilt unter Kennern die Devise, daß keiner seiner Entwürfe bewußt zweimal identisch ausgeführt wurde – somit sind bis ins Detail identische Briefbeschwerer bisher nicht nachgewiesen. Seit den Anfangstagen hat Paul Ysart jedoch Stücke hergestellt, in denen bunt gemischte Bruchstücke von Millefiori, Spiralstäbchen, Aventurin und buntem Glaskrösel zum glitzernden Universum eines Reliefs zusammenfügt wurden. Mit dem Einstechen einer zentralen Blase, später auch umgeben von vier, sechs oder acht Blasen im Randbereich, schuf er einen Entwurf, der ab 1972 bei Caithness als „Harlekin“ auf den Markt gebracht wurde. In der Frühzeit lag das Arrangement noch auf einem einfärbigen dreidimensionalen Kissen aus feinsten Farbkröseln, in der Zeit ab Caithness reduzierte es sich auf eine dünne farbige Schicht unter den nunmehr oberseitig glatt ausgelegten Mustern. Die Verwendung von eingestreuten Glimmerplättchen scheint eine seltene, auf die 1930er Jahre saisonal beschränkte Ausnahme zu sein, während im Laufe der Jahre der Aventurin in immer mehr Farbtönen zu beobachten ist. Beim Ziehen der Millefioristäbchen entstand am Hefteisen, am Bruch beim Ansatz und Ende des Stäbchens, ein Bereich, der das Millefiorimotiv noch zu groß, verzerrt oder unförmig abbildete, die – zu schade zum Wegwerfen – immer noch die idealen Füller für die frei gemischten Muster in den Harlekins darstellten. Die Farbgläser und das Aventurin bezog Ysart von der Firma Gilbert Martin in Paris, die von Alison Jane Clarke auf Ysartnews No. 4 vom März 1988 erwähnt wird. Ysart verwendete ein Glas, dessen Dichte nahe bei 2,53 lag, daher sind „leichtere“ oder „schwerere“ Meßdaten ein Hinweis darauf, daß es sich um eine „Nachschöpfung“ oder Falschbestimmung handelt. Es ist wohl auch anzunehmen, daß er die Abtönungen und Kombinationen von Farbtönen im eigenen Betrieb vornahm. Die herausragendsten und vielfältigsten Töne erreicht er bei Blau, Gelb, Violett und Grün; manche Farbe, wie ein blasses Fleischrosa, steht nur in einer begrenzten frühen Zeit in Verwendung. Die Pastellfarben von Violett und Türkis sind über den längsten Zeitraum zu beobachten. Die Farbe des Glases, aus dem die Kuppel geformt wurde, ermöglicht des öfteren Rückschlüsse auf die Zeit der Entstehung. Bei Moncrieff wurde früh ein leicht violett getöntes Glas verarbeitet, bei Caithness ein sehr klares Glas ohne nennenswerte Färbung, und bei Harland kam sowohl farblos klares als auch gelblich getöntes Glas zum Einsatz.


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Die vor der Lampe gefertigten Blumenarragements, die Libellen, Schmetterlinge, Reptilien und die Kombination von Millefiori mit vielgestaltigen Latticinio-Speichen hat Ysart zu meisterlicher Exaktheit entwickelt. Seine Briefbeschwerer bei Moncrieff entstanden im Zeitraum von den 1920er Jahren bis 1962 mit einer Unterbrechung während des Krieges zwischen 1939 und 1945, als nur vereinzelt Stücke nach Feierabend gefertigt wurden. Ab 1962, da Moncrieff den Betrieb 1961 einstellte, nahm er seine Tätigkeit bei Caithness auf, wo er bis 1970 verblieb. Aus der Zeit bei Caithness bis um 1970 stammen auch seine Entwürfe von Silberschmuck, die mit einem komplexen Millefiori als Zentralstück versehen wurden, die Ysart „stones“ nannte; der Verwendung als „Schmuckstein“ wegen. Um 1970 gründete er seine eigenen Firmen, die mit Finanzierung von Bert Gunn als Paul Ysart Ltd., später Harland und zuletzt Highland Paperweights bis in die Zeit um 1980 seine sehr gefragten Werke herstellten. Einen Einschnitt stellt das Jahr 1955 dar, als er von Paul Jokelson aus den USA als der Hersteller der mit PY signierten Briefbeschwerer, die bis dahin auch vielfach als antike französische Stücke galten, in Schottland ausfindig gemacht wurde und einen Vertrag abschloß, nach dem die mit PY signierten Stücke nur exklusiv durch Jokelson in den USA vertrieben werden durften. Somit dürfte sich ein überwiegender Teil der mit PY signierten Stücke, die nach 1955 entstanden, bei den Sammlern in den USA befinden. Seit Jokelson die Devise ausgab, Paul Ysarts Briefbeschwerer seien die gesuchten Antiken von morgen, nimmt die Zahl der Sammler seiner Stücke stetig zu. Der zwischen Moncrieff, Paul Ysart und Jokelson geschlossene Vertrag setzte zusätzlich noch das Limit, daß nicht mehr als 288 Stück eines Designs pro Jahr hergestellt werden durften. Damit sicherten sich der Künstler und sein Agent eine gewisse Exklusivität.

Wie selten sind Paul Ysarts Briefbeschwerer? Colin Mahoney stellte 2009 in der unten erwähnten Werkschau eine gut begründete Modellrechnung an, die zu der geschätzten Gesamtzahl von über 80.000 Stück führte. Diese Zahl war wohl für manchen Sammler ein Trost; für den „Markt“ allerdings hat die doch etwas riesig wirkende Menge bisher wenig Signalwirkung gezeigt. Einen ungleich stärkeren Einfluß auf die geforderten Preise haben seit einigen Jahren die zahlreichen Privatversteigerungen im Internet. Hier ermöglichen Verkäufer mit Angeboten, die mangelnde Sachkenntnis verraten, daß aufmerksame Sammler sehr günstige Einkaufspreise erzielen können.

Durch Paul Ysarts Wirken entwickelte sich ein fruchtbares Klima für das Entstehen von Erzeugerfirmen. So sind nicht nur die Ysart Brothers und später Vasart, Strathearn, Perthshire sowie Caithness und Selkirk schöpferisch tätig gewesen; auch Einzelkünstler wie Colin Terris, William Manson, Peter Holmes, John Deacons, Peter McDougall, Michael Hunter und andere sind in diese Tradition einzureihen und entsprechend zu würdigen.

An Literatur sind zwei Werke zu nennen, die auf dem aktuellen Kenntnisstand ihrer Zeit einen brauchbaren Überblick über das Schaffen und das Umfeld Ysarts verschaffen: Robert G. Hall, Scottish Paperweights (1991) und Colin Mahoney, Masterworks: The Paperweights of Paul Ysart (2009). Darin sind auch Hinweise auf herausragende Stücke und die Sammlungen, in denen sie zu finden sind, enthalten.

(November 2011)


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Diese beiden „Harlekins“ sind noch einmal (besser) abgebildet in der englischsprachigen Version dieses Artikels zu finden.



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